Vom Un-Sinn des Begriffes Work-Life-Balance

Sprache wirkt. Immer. Ihr Gebrauch kann unerwünschte Nebenwirkungen haben – und sie kann fördernd und stärkend wirken.

Selbstverständlich wissen alle, was mit Work-Life-Balance gemeint ist. Doch wenigen ist bewusst, welche Wirkung diese Wortschöpfung hat. Der Begriff lädt dazu ein, auf ein stimmiges Verhältnis von Arbeiten und von Leben zu achten. Damit ist bereits gesagt, dass Arbeiten und Leben voneinander grundsätzlich getrennt sind und Balance einen bestimmten Anteil von dem einen und von dem anderen anregt oder sogar einfordert.

Bis heute habe ich nur Vermutungen, wie man entweder leben oder arbeiten kann. Ich stelle mir also vor, dass Menschen sehr lebendig bis zur Pforte des Arbeitgebers kommen, dann in eine Art Wachkoma fallen und in diesem verharren, bis sie dann wieder beim Verlassen des Arbeitsplatzes lebendig werden. Das können Sie jetzt entweder humorvoll lesen oder als unsinnig oder haarspalterisch abtun, es ändert nichts daran, dass dieser Begriff gegensätzlich zu dem wirkt, was er fördern will:

Sprache erzeugt unmittelbar Bilder in uns, Work-Life-Balance produziert ein Bild, das aus drei Teilen besteht: Balance als Bild von einer Gesamtheit oder auch einer Aufteilung von zwei Arten einer Tätigkeit, der, zu arbeiten und der, zu leben. Vermittelt und verstärkt den Eindruck, dass man entweder arbeiten kann oder leben. Man könnte sagen, die unerwünschten Nebenwirkungen sind manchmal sogar höher als die gewollten positiven Effekte:

  1. Nur wer lebt, kann noch arbeiten.
  2. Einen Teil des Lebens VERBRINGEN wir mit arbeiten, daher kann es nur um die Klärung gehen, welchen Anteil unseres Lebens die Arbeit einnimmt.
  3. Die möglicherweise schon kritische Einstellung dem Arbeiten gegenüber („Ich muss arbeiten und würde gerne lieber…“) wird eher noch verstärkt.
  4. Die Gestaltung aller anderen Lebensbereiche neben jenem, der Arbeit ist, wird als möglicher Ansatzpunkt für eine stimmigere Gesamtlebensgestaltung außen vor gelassen. Oder hat schon einmal jemand überlegt, ob vier Stunden Fernsehen am Abend sich garantiert besser auswirken als acht oder auch manchmal zehn Stunden Arbeiten?
  5. Durch diese Unschärfe im Blick auf die Gesamtlebenssituation ist die berufliche Tätigkeit als scheinbar kausaler Grund für fehlende Lebensqualität, mögliche gesundheitliche Probleme oder Schwierigkeiten in der Familie oder Partnerschaft hauptverdächtig.

Worum es tatsächlich geht, ist die persönliche Energie-Bilanz:

  • Was im Leben kostet Energie, was sind die „Energieräuber“?
  • Was im Leben bringt Energie, was sind die „Energietankstellen“?
  • Wie fällt die Gesamtbilanz aus? Ist der Energiezustand stabil, nimmt er tendenziell ab oder erhöht er sich sogar auf längere Sicht?

Sollten Sie Interesse daran haben, Ihre PERSÖNLICHE ENERGIEBILANZ zu ermitteln, können Sie hier eine Vorlage anfordern.

Zurückkommend auf die obigen Ausführungen weitere Beispiele für Sprachgebrauch, der im Widerspruch zum Ziel steht.

  • „Ab morgen rauche ich nicht mehr“:
    • In Millisekunden ist im Kopf das Bild vom Rauchen dominant im Fokus der Aufmerksamkeit. Das Wort „nicht“ erzeugt niemals Bilder, weil wir uns nicht die Abwesenheit von etwas vorstellen können, sondern nur die Anwesenheit von etwas. (Siehe die so oft strapazierte Aufforderung „Denke nicht an einen rosa Elefanten“).
    • Das Wort „nicht“ kann zwar kognitiv verstanden werden, doch in der bildhaften Repräsentation des Satzes ist es nicht enthalten.
    • Bilder dienen nicht nur dem Erfassen von etwas, sondern sie wirken in einem Satz wie „Ab morgen rauche ich nicht mehr“ auch als innerer Auftrag, fatalerweise jedoch OHNE die darin enthaltene Negation „nicht“.
    • Der Satz wirkt daher fatalerweise unbewusst autosuggestiv als Auftrag „Ab morgen rauche ich nicht mehr“. Im besten Fall entsteht eine innere Ambivalenz zwischen dem bildhaften Eindruck des Rauchens und dem Verstehen von „nicht“.
  • So gesehen produzieren alle Verbote, die mit „du sollst nicht …“ beginnen das Gegenteil dessen, was sie zu erreichen suchen.
  • Zwei Beispiele aus der Welt der Organisationen:
    • Die Anforderung, vernetzt und prozessorientiert zusammenzuarbeiten, steigt seit vielen Jahren. Je komplexer Arbeitsprozesse sind, umso mehr bedeutet das, über fachliche Grenzen hinweg zu kooperieren. Sprachlich wird dies konterkariert durch die Begriffe „Ab-Teilung“ und „Schnitt-Stelle“. Nichts könnte Silodenken und die Unterbrechung eines Prozessflusses sprachlich mehr fördern.
    • Alternativen, welche das Gewünschte unbewusst unterstützen sind bspw. „Prozesseinheit“ oder „Prozesselement“ sowie „Nahtstelle“. Eine Nahtstelle verfügt exakt über die beiden Eigenschaften, die bei Prozessübergängen besonders gefragt sind: hohe Haltbarkeit bei gleichzeitiger Elastizität.

Sprache wirkt WORTWÖRTLICH und allenfalls in zweiter Linie in der intendierten Art und Weise.