Was Weihnachten mit einem Vorwurf zu tun haben könnte

11. Dezember 2016 | Allgemein

Weihnachten

Es ist die Zeit der Wünsche und des Wünschens:

  • Wir wünschen uns Geschenke von anderen
  • Wir wünschen uns mehr Zeit für uns selbst von uns selbst
  • Wir wünschen uns wechselseitig die Vereinbarung der Geschenke-Abstinenz
  • Wir wünschen anderen schöne, frohe, erholsame Feiertage, ein „braves Christkind“ u.a.

Vorwürfe – ein Sammelobjekt?

In den Monaten davor haben manche Vorwürfe gesammelt wie Treuepunkte oder Markerln eines Supermarktes oder die Panini-Bilder in Zeiten einer Fußballweltmeisterschaft.

Emsige Sammler hüten ihre Vorwürfe wie Geheimnisse, damit keiner verloren geht – und die „Schuldigen“ haben bisweilen keine Ahnung davon.

Vorwürfe sind selbstverständlicher Bestandteil unserer Kultur, werden täglich produziert und wirkungsvoll genutzt.

Lediglich die Tauschbörse für Vorwürfe ist noch nicht erfunden worden, doch das ist wohl nur mehr eine Frage der Zeit.

Die Attraktivität eines aufrechten Vorwurfs

Die Vorteile sind mannigfaltig:

  • Es gibt einen guten Grund, sich moralisch überlegen zu fühlen.
  • Der Vorwurf macht frei von der (Selbst-) Ver-pflichtung der Kooperation, denn wenn eine/r einem so etwas antut, hat man einen guten Grund, weniger, nur unter Protest oder gar nicht zusammen-zuarbeiten.
  • Der Vorwurf erzeugt ein Forderungsguthaben. Die Person, der man etwas vorwirft, ist einem den Ausgleich, die Wiedergutmachung oder zumindest eine Entschuldigung schuldig. Und das kann sich schon wirklich gut anfühlen.
  • Anlass für einen Vorwurf ist, dass man nicht bekommen hat, was man gerne wollte oder umgekehrt etwas bekommen hat, was man gar nicht wollte. Solange man den Vorwurf aufrecht halten kann, ist man frei von jeglicher (Mit-) Verantwortung für das Ereignis oder die Situation, welche erst die Gelegenheit zum Vorwurf hervorgebracht hat. Die Opferrolle kann für einige sogar durchaus zur Komfortzone werden.
  • Es „schützt“ davor, der „schuldigen“ Person in irgendeiner Form Anerkennung zukommen zu lassen, da ja die Schuld noch nicht beglichen wurde.
  • Die Nähe- und Distanzregulierung ist erheblich einfacher und von gesteigerter Unverbindlichkeit geprägt. Während sich in einer guten Beziehung Nähe und Distanz so regulieren, dass auf die wechselseitigen Bedürfnisse Bedacht genommen wird, kann der Vorwurfsträger einen Kontakt jederzeit abbrechen, ohne unerwünschte Nebenwirkungen gewärtigen zu müssen.
  • Die unbeglichene Schuld kann mit einem Machtzuwachs einhergehen oder als Druckmittel genutzt werden, denn der/die „Schuldige“ muss sich möglicherweise einiges mehr gefallen lassen als in der Epoche der „Unschuld“.

Die Vorteile reichen so weit, dass es vorkommen soll, dass die Inhaber des Vorwurfes die Klärung und Versöhnung verweigern oder zumindest erschweren.

Der Vorwurf beginnt oft mit einer Frage

Im Falle eines unerwünschten Verhaltens wird nahezu ausschließlich das Unerwünschte ange-sprochen, oft eingeleitet mit der klassischen Frage „Warum hast du …?“. Darauf folgen dann in 99% der Fälle zwei mögliche Reaktionen:

Ein Rechtfertigungs-Blues, der nicht widerlegbar ist
Ein Gegenangriff, indem ebenfalls ein Vorwurf aus einer Situation entgegengehalten wird, der mit dem erst angesprochenen Ereignis gar nichts zu tun hat.
Der gemeinsame Blick in die zumindest von einer Seite unerwünschte Vergangenheit trübt die Beziehungsqualität, die Wahrscheinlichkeit, dass der offen gebliebene Wunsch noch in Erfüllung gehen könnte, liegt bei null. Der Wunsch ist oft entweder gar nicht bekannt, weil nie genannt oder längst unter dem Gewicht des Vorwurfs begraben.

Ganz nebenbei sei an dieser Stelle erwähnt, dass die Recht-s prechung Angeklagten erlaubt,

  • zu schweigen,
  • zu lügen,
  • und andere zu beschuldigen,

was ebenfalls nicht der Wunscherfüllung dienlich ist.

Bestens trainiert

Das Fundament für die Meisterschaft im Gebrauch und Umgang mit Vorwürfen wird in der frühesten Kindheit gelegt:

  • „Warum bist du nicht brav?“
  • „Warum räumst du dein Zimmer nicht auf?“
  • „Warum folgst du nicht?“
  • „Warum machst du deine Aufgaben nicht?“
  • „Warum isst du nicht auf?“
  • „Warum kannst du nicht wie ein normaler Mensch sitzen?“

Wer kann da noch widerstehen?

Und wie kommt Weihnachten ins Spiel?

Weihnachten ist die Zeit des Wünschens – und hinter jedem Vorwurf steckt ein (noch unerfüllter) Wunsch.

Wie anders könnten Begegnungen verlaufen, würde statt des Vorwurfs für ein vergangenes Ereignis gleich oder zumindest bald nach dem Vorwurf der offen gebliebene Wunsch geäußert, damit er doch noch in Erfüllung gehen kann.

Den Wunsch zu äußern, ist kein Garant dafür, dass er auch erfüllt wird. Die Wahrscheinlichkeit steigt jedenfalls, auch wenn es keine Garantie dafür gibt. Denn die anderen sind keine Wunscherfüllungs-Automaten, sondern können wählen und entscheiden, ob sie dem Wunsch nachkommen wollen oder nicht.

Es könnte verhandelt werden, wechselseitiges Verständnis sich erhöhen und Beziehungsqualitäten sich bessern.

Was sich Weihnachten wünscht

Werden Sie mit einem Vorwurf konfrontiert, erfragen Sie den Wunsch dahinter.
Gibt es eine Möglichkeit und sind Sie bereit, diesem zu entsprechen, weil er angemessen ist, würden Sie Weihnachtsmann oder Weihnachtsfrau für die andere Person und sich selbst werden.
PS: Rein theoretisch wäre es sogar möglich, dass Sie selbst statt eines Vorwurfes gleich ihren Wunsch äußern …, was das wohl für Folgen haben könnte?

Frohe Weihnachten

wünscht Ihnen

Ihr

Peter Kornfeind