Wie aus Unternehmern “normale” Menschen werden

21. Mai 2017 | Allgemein

Ein kleiner großer Star ist geboren.

9 Monate lang gab es jeden Tag ein Erfolgserlebnis. Täglich im Sinne des Wortes über sich hinausgewachsen. Jetzt bestimmt Neugierde (im besten Sinne des Wortes „gierig nach Neuem“) das Verhalten. Jede Minute beseelt UnternehmerIn sein. Es gibt keine Misserfolge, sondern nur Entdeckungen, Lernen und Erfolgserlebnisse. Antrieb ist das UnternehmerIn-Sein selbst, nicht ein bestimmtes (in Zahlen gegossenes) Ziel.

  • Persönlichkeitsmerkmal: Ein kleiner Star mit einzigartigen Talenten
  • Innere Haltung: Mut, Zuversicht und Selbstvertrauen
  • Vorherrschende Hormone: Glückshormone
  • Vorherrschende Gefühle: Lust und Freude

Manche schaffen es einige Jahre, UnternehmerIn zu bleiben, ganz wenige sind es noch als Erwachsene.

Die Vergiftung

UnternehmerInnen bestimmen selbst, was sie tun. Sie handeln, weil es Freude macht, weil sie an etwas Interesse haben, oder es für sie sinnstiftend ist, d.h. sie sich selbst dadurch in einen größeren Zusammenhang eingebunden erleben.

Das Gift, das sie stoppt, hat zwei Gestalten: Lob und Tadel. Beide sind hochwirksam und daher so häufig eingesetzt. Bei Tieren setzt man sie höchst erfolgreich für Dressur- und Unterwerfungsakte ein. Der Pawlow´sche Reflex wird rasch ausgebildet, fortan löst ein bestimmter Reiz einen physiologischen und hormonellen Prozess aus, der zum gewünschten Verhalten führt. Wesentlich beim Vergleich mit diesem Phänomen bei Menschen ist, dass der Hund nicht „platz“ macht, weil er darauf Lust hat, sondern weil er das Leckerli will bzw. die Bestrafung fürchtet.

Bei Kindern und Erwachsenen vergiften sie die Neugierde und das Unternehmertum. Das Interesse und die Freude an dem, was zu tun ist oder getan werden soll, wird ersetzt durch Lob/Belohnung oder Tadel und Kritik. Begeisterung für Mathematik oder Zeichnen wird ersetzt durch die Erfahrung, dass das Feedback und die Zuwendung von außen die Hormonausschüttung regulieren. Eigene Erfahrungen und das Selbstbild schaffen es nicht mehr, ausreichend Glückshormone für ein gutes Lebensgefühl auszulösen.

Süchtig

Fatalerweise entsteht Abhängigkeit und ein Suchtverhalten, das mit allen Mitteln danach strebt, Kritik zu vermeiden und Lob und Belohnung zu erhalten. Mut, Zuversicht und Selbstvertrauen sind ersetzt durch Angepasstheit und das Selbstbild, wenig Wert zu sein.

Weder für die Schule und schon gar nicht für das Leben wird gelernt, sondern lediglich für den kurzen Moment einer guten Benotung, der „Prämie“ von Oma oder Opa oder dem dafür versprochenen neuesten Ego-Shooting-Game. Alternativ ist es die Angst vor den Folgen einer schlechten Note, die einen antreibt. Das Gepaukte ist nur mehr ein „Einweg-Handschuh“, den man sich kurzfristig nicht über-, sondern reinzieht, um …, Sie wissen schon. Der Lerninhalt ist nach kurzer Zeit vergessen, weil er es nie über das Kurzzeitgedächtnis hinausgebracht hat.

Endlich „normal“

Spätestens mit dem Abschluss der Schul- und Ausbildungslaufbahn ist man „normal“ geworden, aus dem kleinen Stern ist kein großer, strahlender geworden, sondern ein weiteres Mitglied der großen Gruppe „Durchschnitt“.

Später braucht es in Unternehmen Prämien und immer höhere Incentives, damit Leistungen erbracht werden. Die zentrale Frage ist: „Was bekomme ich, wenn ich etwas leiste“ und nicht „Wofür kann ich hier einen sinnvollen Beitrag leisten“.

Gleichzeitig geistert nach wie vor die Phantasie von MitarbeiterInnen als „Unternehmer im Unternehmen“ durch die Büros und Produktionshallen von Organisationen. Dafür wäre neben dem Interesse an dem, was man tut und der Möglichkeit, seine Stärken einzubringen, entscheidend, nicht als Objekt der Leistungserbringung, sondern als Person wahrgenommen zu werden. Statt Vorgaben und Aufträge gäbe es Rahmenbedingungen, die Eigenständigkeit und Mitgestaltung fördern.

Erfreulicherweise hat diese Entwicklung bereits vor Längerem begonnen und wird sich hoffentlich wie ein „Virus“ rasch weiterverbreiten.

Und nun?

Am Beginn der Industrialisierung hat es Henry Ford bei der Einführung der Fließbandarbeit auf den Punkt gebracht: „Ich wollte Arme und es kamen Menschen“. Er wünschte sich nur die Arbeitskraft, also den Arm und nicht den ganzen Menschen, der am Arm hing. Tätigkeiten dieser Art haben im 21. Jhdt. weitgehend Maschinen übernommen.

Auch heute brauchen Organisationen Strukturen und Regeln, die eingehalten werden und ein professionelles Rollenverständnis der darin tätigen Personen.

Gleichzeitig gibt es immer mehr Aufgaben, bei denen es darum geht, mitzudenken, statt Dienst nach Vorschrift zu machen
situationsbedingt und -adäquat zu reagieren

  • Kreativität einzubringen
  • das Neue, Unsichere und Unbekannte nicht als Gefahr, sondern als Nährboden für persönlichen Erfolg zu nutzen
  • zu entscheiden, obwohl und weil nicht alle dafür wesentlichen Parameter verfügbar sind.

Alle diese Tätigkeiten erfordern die Re-Aktivierung des UnternehmerInnen-Seins, eben die Persönlichkeitsstruktur, mit der wir das Licht der Welt erblickt haben.

Das Interesse und die Freude an der eigenen Tätigkeit wären dann der Treibstoff für das eigene Verhalten.

Neben Anerkennung (hier könnte eine partielle „Entwöhnungskur von der großen Abhängigkeit“ eine Option sein) für Leistung braucht es Wertschätzung für die Person, statt Kritik und Abwertung den Schulterschluss für gemeinsames Lernen. Statt der suchtartigen Abhängigkeit von Lob braucht es ein gesundes Selbstvertrauen in die eigenen Fähigkeiten und die Bereitschaft zur Selbstreflexion.

Fühlen Sich MitarbeiterInnen als Individuum gesehen sind sie eher bereit eine professionelle Haltung für die Übernahme einer Funktion zu entwickeln.

„Unternehmern Sie etwas!“

Ihr

Peter Kornfeind

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